Säure-Basen-Ausgleich durch Nahrungsergänzungsmittel – Wem nützt das?

Stand:

Basische Mineralstoffe aus dem Tütchen als schnelle Lösung gegen „Übersäuerung“? Darum können Sie sich das Geld sparen.

Das Wichtigste in Kürze:Wirkung nicht bewiesen

  • Nahrungsergänzungsmittel gegen „Übersäuerung“ enthalten meist Citratsalze von Mineralien und Spurenelementen (Calciumcitrat, Magnesiumcitrat, Zinkcitrat) oder Natriumhydrogencarbonat (Backnatron). Diese sollen im Körper als „Basen“ wirken.
  • Damit Hersteller Aussagen zur positiven Wirkung auf die Gesundheit platzieren können, werden häufig weitere Vitamine und Spurenelemente zugesetzt.
  • Die Säure-Basen-Theorie ist ein alternativmedizinisches Konzept. Es ist nicht belegt, dass eine „latente Azidose“ – eine chronische Übersäuerung des Körpers – als Ursache für Gesundheitsprobleme überhaupt existiert. Die Einnahme von basischen Nahrungsergänzungsmitteln schützt nicht vor Erkrankungen.
  • Unser Fazit: Nur einem nützen basische Nahrungsergänzungsmittel sicher – dem Hersteller.
  • Die basische Ernährung stimmt in ihren Grundzügen mit der vollwertigen Ernährung überein. Wer sich vollwertig ernährt, nimmt ausreichend basische Lebensmittel zu sich.
Urinprobe in farbigen Röhrchen
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Was ist von den Werbeversprechen für basische Nahrungsergänzungsmittel zu halten?

Die Werbeversprechen für basische Nahrungsergänzungsmittel sind größtenteils überzogen und fragwürdig. „Voraussetzung für Vitalität, Energie und Leistungsfähigkeit ist ein ausgeglichener Säure-Basen-Haushalt, der durch Stress, schlechte Ernährung und einen ungünstigen Lebenswandel permanent gestört wird. Durch Übersäuerung der Gewebe, die der Organismus alleine nicht korrigieren kann, drohen unangenehme bis schwerwiegende gesundheitliche Folgeschäden.“ - Auf diesen Aussagen basieren die vollmundigen Versprechungen der Anbieter von basischen Nahrungsergänzungsmitteln. Die Produkte sollen Hilfe bei diffusen gesundheitlichen Problemen wie „Energielosigkeit“ und „Störungen des inneren Gleichgewichts“ bieten, aber auch ganz konkret das Immunsystem stärken und (angeblich) sogar schweren Erkrankungen wie Osteoporose, Atherosklerose und sogar Tumorerkrankungen vorbeugen.
Die Logik ist simpel: Da die Mehrheit der Bevölkerung lebensstilbedingt (zu viel Fleisch, zu viel Zucker, zu viel Stress) ohne es zu wissen von dem Störungsbild „Übersäuerung“ betroffen ist, sind basische Nahrungsergänzungsmittel, die gerne auch zur „Basenkur“ beworben werden, uneingeschränkt für alle Menschen notwendig und sinnvoll.
Allerdings: Zugelassene gesundheitsbezogene Werbeaussagen für die basischen Mineralstoffverbindungen in Nahrungsergänzungsmitteln existieren nicht. Um dennoch werbewirksame Aussagen wie  „trägt zu einem normalen Säure-Basen-Stoffwechsel bei“ oder „trägt zu einer normalen Funktion des Immunsystems bei“ nutzen zu können, setzen Hersteller zusätzlich Vitamine und Spurenelemente zu.
Einzig für Zink ist die Aussage „trägt zu einem normalen Säure-Basen-Stoffwechsel bei“ von der EU im Rahmen der Health-Claims-Verordnung zugelassen – und zwar für alle erlaubten Zink-Verbindungen. Die Aussage bezieht sich also auf das Zink an sich und kann ebenso für pH-neutrale Zinkverbindungen wie Zinkchlorid oder Zinksulfat verwendet werden.
Zink ist in vielen Lebensmitteln enthalten (z.B. Fleisch, Fisch, Eier, Milchprodukte), ein Zinkmangel tritt bei normaler abwechslungsreicher Mischkost sehr selten auf. Vegan lebende Menschen sollten die Zinkzufuhr aber im Blick behalten. Eine zusätzliche Zinkaufnahme über den tatsächlichen Bedarf hinaus hat keine positive Wirkung auf den Säure-Basen-Haushalt oder das Immunsystem.

„Basenprodukte“ werden angeboten als Granulat, Trinkpulver oder Tabletten. Sie enthalten überwiegend Zitrat-Verbindungen, meist als Natrium-, Calcium-, Magnesium-, Kalium- oder Zinkcitrat. Zudem sind sie sehr häufig mit Vitaminen angereichert und enthalten Süßungsmittel (Sorbit oder Isomaltulose) für einen verbesserten Geschmack. Neben Nahrungsergänzungsmitteln werden auch Heilerde (traditionelles Arzneimittel gegen Sodbrennen oder Medizinprodukte und Natriumbicarbonat (doppeltkohlensaures Natron, Back-Natron, Speisesoda, Natriumhydrogencarbonat) als „Basentherapeutika“ oder „Entsäuerungskapseln“ beworben.

Worauf sollte ich bei Nahrungsergänzungsmitteln zur Regulation des Säure-Basen-Haushalts achten?

  • Bei einigen Nahrungsergänzungsmitteln mit Basencitraten sind sehr hohe Mengen an Mineralstoffen und Spurenelementen enthalten. Diese sind teilweise so hoch, dass sie über den Höchstmengen liegen, die vom Bundesinstitut für Risikobewertung (BfR) empfohlen werden. Diese Überschreitung ist jedoch erlaubt, denn bisher gibt es keine gesetzlichen Regelungen für Höchstmengen von Nährstoffen in Nahrungsergänzungsmitteln.
  • Bei Magnesium kann eine zu hohe Dosierung aber zu Magen-Darm-Beschwerden führen. Das Bundesinstitut für Risikobewertung empfiehlt, nicht mehr als 250 mg Magnesium pro Tag in Form von Nahrungsergänzungsmitteln einzunehmen und diese Dosis auf zwei oder mehr Portionen zu verteilen.
  • Achten Sie beim Kauf Bicarbonat-haltiger Nahrungsergänzungsmittel auf den Hinweis „magensaftresistent überzogen“. Insbesondere Nahrungsergänzungsmittel mit Bicarbonaten sind oft nicht magensaftresistent überzogen und lösen sich daher bereits im Magen auf. Dadurch verändert sich der pH-Wert der Magensäure stark. Das ist langfristig nicht gesund: Magensäure und ein recht konstanter pH-Wert dieser, ist wichtig für den Nahrungsaufschluss während der Verdauung und wird für die Aufnahme von Vitamin B12 aus der Nahrung benötigt. Auch spielt sie in der Abwehr krankmachender Keime aus Lebensmitteln (z.B. Salmonellen, Clostridien, Listerien) eine wichtige Rolle. Daher sind solche Produkte zur mittel- oder langfristigen Einnahme ungeeignet, das gilt vor allem auch für Risikopersonen.
  • Citrate erhöhen bei gleichzeitiger Einnahme von aluminiumhaltigen Arzneimitteln die Aufnahme von Aluminium in den Körper. Wenn Sie Magensäureblocker (Antazida) oder andere aluminiumhaltige Medikamente einnehmen, sollten Sie zu der Einnahme von Basencitraten einen Abstand von mindestens zwei Stunden einhalten.

Wie ist das mit dem Säure-Basen-Gleichgewicht?

Der menschliche Organismus toleriert Schwankungen des Blut-pH-Wertes nur in sehr engen Grenzen (pH 7,35-7,45). Blut ist also tatsächlich ganz leicht basisch. Schon geringe Abweichungen von diesen Normwerten könnten gravierende Folgen für den gesamten Stoffwechsel haben. Daher gibt es im Körper mehrere leistungsfähige und sehr schnell reagierende Regulationsmechanismen, die den pH-Wert konstant halten. Überschüssige Säuren werden über die Nieren ausgeschieden bzw. über die Lunge abgeatmet.

Bei mehr oder weniger gesunden Menschen funktionieren die Puffersysteme unseres Körpers reibungslos. Sie werden mit den Säuremengen fertig, die bei sportlicher Aktivität oder beim Fasten in unserem Körper gebildet werden und auch dem Säureüberschuss, der aus einer typisch westlichen, fleisch- und eiweißbetonten, zuckerreichen und gemüsearmen Ernährung resultiert. Dieses Ernährungsmuster ist bekanntermaßen ungünstig, allerdings nicht aufgrund des Säureüberschusses.

Bei Nierenerkrankungen kann eine chronische Übersäuerung entstehen - auch akute Übersäuerungen (Azidose) bei schweren Stoffwechselentgleisungen sind möglich – diese müssen aber medizinisch behandelt werden, letztere meist auf der Intensivstation. Eine solche Stoffwechselentgleisung verläuft nicht heimlich, Sie würden sie ganz sicher bemerken.

Was ist der pH-Wert?

Der pH-Wert zeigt an, ob eine wässrige Lösung eher sauren oder basischen Charakter besitzt, ob es sich also um eine Säure oder eine Lauge handelt.

Das hängt davon ab, wie viele Wasserstoff (H+)- oder Hydroxid (OH-)-Ionen in einer Flüssigkeit (Lösung) schwimmen. Wenn sich ihr Verhältnis zueinander ändert, ändert sich auch der pH-Wert. Der pH-Wert wird als Zahl auf einer Skala von 0 bis 14 angezeigt.
Je niedriger der pH-Wert, desto saurer ist die Lösung (mehr H+-Ionen), je höher der pH-Wert ist, desto basischer (alkalischer) ist die Lösung.
Lösungen mit pH-Wert 7 sind „neutral“.
Leitungswasser hat in der Regel einen pH-Wert von 7. Wichtig dabei: zwischen zwei pH-Werten steigt bzw. sinkt der Säuregehalt um das 10-Fache.

Skala pH-Wert

Zusammenfassend heißt das:
Lösungen mit einem pH-Wert < 7 sind Säuren
Lösungen mit einem pH-Wert = 7 sind neutral
Lösungen mit einem pH-Wert > 7 sind Basen/Laugen

 

Was hat es mit dem Säureüberschuss durch die Ernährung auf sich?

Sauer ist nicht gleich sauer - der absolute Säuregehalt eines Lebensmittels ist nicht ausschlaggebend für die Wirkung im Körper. So besitzt Zitronensaft einen sauren pH-Wert von 2,4, wirkt im Körper aber basenbildend. Rind- und Schweinefleisch mit einem pH-Wert von 5,6 wirken hingegen als Säurebildner – obwohl sie einen höheren pH-Wert als Zitronensaft haben. Die vermeintlich problematischen Säuren entstehen nämlich erst im Körper. Und zwar durch die Verstoffwechselung von tierischem Eiweiß aus Fleisch, Milch und Käse, aber auch von Zucker, Kaffee, Getreideprodukten und kohlensäurehaltigem Mineralwasser. Diese Lebensmittel „überfordern“ – so die Theorie – unseren Körper: Bei einer latenten Azidose – also einer chronischen Übersäuerung des Körpers – sollen das Körpergewebe und die Zellen dauerhaft übersäuert sein, was angeblich zahlreiche Erkrankungen begünstigt. Hier soll die Einnahme von Nahrungsergänzungsmitteln mit basischen Mineralstoffen helfen. Ausreichend wissenschaftlich belegt ist das Konzept der „latenten Azidose“ jedoch nicht.

Bisher fehlen klare Beweise für einen ursächlichen Zusammenhang zwischen latenter Azidose und Erkrankungen wie Atherosklerose, Krebserkrankungen, Arthrose oder Osteoporose. Es gibt auch keine Untersuchungen, die belegen, dass basische Nahrungsergänzungsmittel vor diesen Erkrankungen schützen könnten.

Die häufig im Rahmen der orthomolekularen Medizin angebotenen diagnostischen sind nicht geeignet, eine Übersäuerung in und zwischen den Zellen zu diagnostizieren, denn direkt messbar ist sie nicht: Der pH-Wert des Urins hängt von unserer Ernährung ab – aber bedeutet ein saurer Urin automatisch, dass auch das Körpergewebe sauer ist? Nein. Und auch andere alternativmedizinische Messverfahren, die z. B. auf der Messung der Pufferkapazität des Blutes beruhen (Bluttitration nach Jörgensen und Stirum) sind wissenschaftlich nicht systematisch überprüft, ihre Aussagekraft ist damit unklar.

Bereits im Jahr 2015 hatte das Verbrauchermagazin Ökotest 32 Nahrungsergänzungsmittel untersucht, die einen Säure-Basenausgleich versprechen, und sie als überwiegend ungenügend bewertet. Kritisiert wurde neben überdosierten Inhaltsstoffen und der „lausigen“ Deklaration der fehlende Nutzen für gesunde Menschen – und zumindest an Letzterem hat sich nichts geändert. Unser Fazit: Nur einem nützen basische Nahrungsergänzungsmittel sicher - dem Hersteller.

Basische Nahrungsergänzungsmittel gegen Coronaviren?

Nahrungsergänzungsmittel mit Basencitraten sollen angeblich sogar gegen Coronaviren wirken – zumindest suggerieren Aussagen wie „Coronaviren mögen es nicht basisch“, dass die Einnahme dieser Produkte vor einer Infektion mit Covid-19 schützt.
Außerdem sollen basische Nahrungsergänzungsmittel das Immunsystem insgesamt stärken, was ebenfalls gut zur Abwehr von Sars-CoV-2-Viren sei. Neben einer gesunden Ernährung mit Gemüse und Obst würden dabei „schnell wirksame Basenpräparate“ helfen. Zunächst: Krankheitsbezogene Werbeaussagen („Hilft gegen Corona“) für Nahrungsergänzungsmittel (Produkte) sind gesetzlich verboten. Deswegen findet man solche Aussagen auch nicht auf den Verpackungen, sondern eher in Internetbeiträgen, Blogs etc.. gesundheitsbezogene Werbeaussagen wie „unterstützt die normale Funktion des Immunsystems“ sind für basische Mineralstoffverbindungen so lange verboten, bis diese Wirkungen wissenschaftlich bewiesen und von der EU zugelassen sind.
Das ist bisher nicht der Fall – denn anders als oft behauptet, fehlen wissenschaftliche Belege.

 

Für Experten:

Das zugrundliegende Erklärungsmodell ist aus naturwissenschaftlicher Sicht zumindest fragwürdig. Den Behauptungen, dass die Infektion und die Virusvermehrung in der Zelle durch pH-Wert-Verschiebungen gehemmt werden kann, liegen Fehlinterpretationen wissenschaftlicher Untersuchungen zugrunde: Der Mechanismus der Infektion und das Vermehrungsverhalten von Corona-Viren – denn neben SARS-CoV-2 gibt es viele andere Corona-Viren – wurde in der Tat vielfach untersucht, in Laborstudien an Zellkulturen. Diese Untersuchungen zeigen, dass die Vermehrung von Coronaviren (und vielen anderen Viren) in Säugetierzellen den pH-Wert der Zelle verändert. Die Vermehrung erfolgt „pH-abhängig“. Das ist lange bekannt und wissenschaftlicher Konsens.

Daraus jedoch einfach abzuleiten, dass ein Nahrungsergänzungsmittel mit Basencitraten nach Passage des gesamten Verdauungstrakts (mit pH-Werten von 1,5 im Magen bis 8 im Zwölffingerdarm) und nach Aufnahme seiner Bestandteile in den Blutkreislauf in einer Schleimhautzelle der oberen Atemwege gegen Corona-Viren wirksame pH-Wert-Verschiebungen auslösen könnte, ist wissenschaftlich nicht wirklich seriös. Mittels Recherche in der Datenbank Pubmed und der Cochrane Library (Stand 15.12.2020) konnten keine klinischen Studien an Menschen gefunden werden, die diese Hypothese auch nur ansatzweise unterstützen. Auch das Arzneimittel Hydroxychloroquin, das ebenfalls über zelluläre pH-Wert-Veränderungen wirken sollte, hat sich in klinischen Studien inzwischen als unwirksam gegen SARS-CoV-2 erwiesen.

Und was ist mit basischer Ernährung?

Bei einer „basischen“ Ernährung stehen basenbildende Lebensmittel im Vordergrund. Sie zeichnet sich durch einen hohen Verzehr von Gemüse und Obst aus. Tierische Lebensmittel wie Milch und Fleisch gehören zu den säurebildenden Lebensmitteln und werden im Rahmen einer basischen Ernährung in geringen Mengen verzehrt. Zudem sollen Vollkornprodukte gegenüber Getreideprodukten aus raffiniertem Mehl (Weißmehl) bevorzugt werden. Auch soll der Verzehr von Zucker bzw. zuckerreichen Lebensmitteln reduziert werden. Unabhängig von der zugrundeliegenden Säure-Base-Theorie entsprechen diese Grundsätze einer basischen Ernährung den Ernährungsempfehlungen für eine vollwertige Ernährung, bei der überwiegend pflanzliche Lebensmittel im Vordergrund stehen. Die positiven gesundheitlichen Effekte einer solchen Ernährung sind vor allem auf die vermehrte Zufuhr von Ballaststoffen, Vitaminen und anderen Mikronährstoffen, die Zuckerreduktion und den geringeren Verzehr hochverarbeiteter Fertigprodukte mit hoher Energiedichte und vielen Zusatzstoffen zurückzuführen.

 

Zum Weiterlesen:

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Quellen: