Lebensmitteleinzelhandel: Vom krummen Obst und Gemüse bis zum MHD

Stand:

Im Jahr 2019 wurden im Lebensmitteleinzelhandel in Deutschland rund 500.000 Tonnen Lebensmittel entsorgt. Rund 84 % der Lebensmittelabfälle im Handel gelten als vermeidbar.

Das Wichtigste in Kürze:

  • Klassischer Lebensmittelhandel entsorgt 290.000 Tonnen Lebensmittelabfälle
  • Krummes Obst und Gemüse auch wieder im Supermarkt zu kaufen
  • Weniger Abfälle - was kann der Handel tun?
Eine krumm gewachsene Möhre
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Ursachen und Zahlen zu Lebensmittelabfällen im Handel

Lebensmitteabfälle im Einzelhandel haben viele vielfältige Gründe. So kann es zur Fehlkalkulation kommen, weil Händler mit einem schönen Sommerwochenende rechnen und entsprechend viel Grillware bestellt wurde. Dann aber am Freitag unerwartet Regen einsetzt und die bestellte Ware doch nicht verkauft wird. Oder Obst oder Gemüse wurde im Lager vergessen und musste dann wegen Verderb und Schimmel entsorgt werden. Manchmal sind Kühl- und Tiefkühlgeräte falsch eingestellt oder fallen ganz aus und die Ware muss wegen Unterbrechung der Kühlkette entsorgt werden. Oder nach dem Oster- und Weihnachtsfest übrig gebliebene Saison- und Aktionsware lässt sich nicht verkaufen.

Auf den klassischen Lebensmitteleinzelhandel mit Supermärkten, Discountern und Verbrauchermärkten entfallen 290.000 Tonnen Lebensmittelabfälle pro Jahr. Auf weitere Einzelhändler wie Drogeriemärkte, Bäckereien, Fleischereien, Onlinehandel, Getränkehandel, Wochenmärkte und Tankstellen entfallen 210.000 Tonnen Lebensmittel. Nicht berücksichtigt sind Retouren, also Produkte, die nicht verkauft und an die Lieferanten zurückgegeben und entsorgt werden. 128.000 Tonnen Lebensmittel gehen jedes Jahr an karitative Einrichtungen wie etwa die Tafeln.

Der Lebensmitteleinzelhandel hat einen Anteil von ca. vier Prozent an der Gesamtmenge der Lebensmittelabfälle in Deutschland. Die jedes Jahr ca. 500.000 Tonnen entsorgten Lebensmittel besitzen einen Wert von schätzungsweise 4,1 Mrd. Euro, das entspricht ungefähr 1,5 Prozent des gesamten Lebensmittelumsatzes. Für den Lebensmittel-Großhandel liegen derzeit keine belastbaren Daten vor.

Bei den leicht verderblichen Lebensmitteln wie Brot werden laut einem Bericht des Thünen Instituts wertmäßig ca. sechs Prozent der Produkte entsorgt, bei Obst und Gemüse ca. 4,3 Prozent, während bei Getränken und Tiefkühlkost gerade mal ca. 0,3 Prozent Verluste anfallen. 16 Unternehmen des Lebensmittelgroß- und Einzelhandels haben Anfang 2020 eine Beteiligungserklärung gegen Lebensmittelverschwendung unterzeichnet. Damit verpflichten Sie sich noch verkehrsfähige Lebensmittel an soziale Einrichtung weiterzugeben und Lebensmittelabfalldaten zu erfassen. Das ist jedoch in den Handelsunternehmen längst selbstverständlich sein. Von den 13 Wahlpflichtmaßnahmen müssen vier umgesetzt werden. Dazu zählt beispielsweise Obst und Gemüse mit Schönheitsfehlern zu verkaufen oder Lebensmittel mit kurz bevorstehendem Mindesthaltbarkeitsdatum reduziert anzubieten.

 

Umgang mit dem Mindesthaltbarkeitsdatum und leicht verderbliche Lebensmittel

Der Händler muss prüfen, ob die Lebensmittel einwandfrei sind und am Regal oder auf dem Lebensmittel auf das überschrittene MHD hinweisen. Viele Händler nehmen Lebensmittel oftmals mehrere Tage oder sogar bis zu einer Woche vor dem Mindesthaltbarkeitsdatum (MHD) aus den Regalen. Der Handel hat vielfältige Möglichkeiten, Lebensmittelabfälle zu verringern. Eine schnellere, optimierte Lieferkette kann Abfälle im Einzelhandel und bei Verbrauchern reduzieren, wenn der Zeitraum zwischen Ernte, Verpackung und Verkauf verkürzt wird. Denn jeder Tag in der Lieferkette verkürzt die Restlaufzeit von Lebensmitteln. Zumal viele frische Lebensmittel eine unsachgemäße Behandlung wie etwa falsche Temperaturen beim Transport nicht vertragen.

Im Idealfall werden etwa Kirschen am Vormittag geerntet, erreichen am Abend das Lager des Handels, werden am Morgen in die Filiale ausgeliefert und anschließend vom Verbraucher gekauft. Am Abend und vor Geschäftsschluss sollte das Angebot an leicht verderblichen Obst- und Gemüse sowie Brot und Backwaren nur noch dosiert, also je aktueller Nachfrage mit kleineren Mengen aufgefüllt werden.

Krummes Obst und Gemüse

Viele Händler bieten immer wieder mal krummes Obst und Gemüse (ugly foods) an, wie etwa verwachsene Möhren oder Äpfel der Handelsklasse B. Häufig werden aber ugly foods neben den durchsortierten Obst- und Gemüseangeboten angeboten. Dann geht es den Händlern wohl eher um Imagepflege. Denn Ziel sollte es sein, Obst und Gemüse generell wieder auf „naturnahe Sortierungen“ umzustellen, so dass möglichst wenig krummes Obst und Gemüse nach der Ernte aussortiert werden muss. Dafür müssten die Handelskonzerne aber ihre Qualitätsanforderungen für Obst und Gemüse nach und nach anpassen und die Vermarktungskonzepte weiterzuentwickeln. Dazu gehört auch die Verbraucher beim Kauf von Obst- und Gemüse aktiv zu informieren.

Einen erfolgversprechenderen Ansatz verfolgt seit Herbst 2015 der Discounter Penny. Er bietet unter der Eigenmarkt „Biohelden“ Gemüse, Obst und Kartoffeln aus ökologischen Landbau in weitgehend natürlicher Mischung. In den Packungen finden sich neben bisher gewohnten Produkten, auch z.B. kleinwüchsige Tomaten, grünliche Zitronen oder krumme Möhren. Und das ist gerade im Biobereich besonders wichtig, da keine synthetischen Pestizide erlaubt sind, so werden ansonsten besonders viele Bioprodukte wegen Schönheitsfehlern aussortiert.

Verbrauchern helfen, nur das zu kaufen, was sie wirklich essen

Der Handel sollte das Sortiment an losen Obst und Gemüse ausweiten – denn so wird für Verbraucher bedarfsgerechtes Einkaufen möglich und gleichzeitig können Verpackungen eingespart werden. Auch der Verzicht auf Verpackungssysteme, die Lebensmittelverluste verursachen, wie etwa verschweißte Styrorportrays und Kunststoffschalen für Möhren, die dazu führen, dass zu lange Möhren aussortiert werden. Beim Einsatz von Beuteln kann weitgehend die Aussortierquote deutlich verringert werden.

Auch kann der Handel kleinere Produktgrößen und Produkte mit verschiedenen Reifegraden anbieten, z.B. zum direkten Verzehr und als „Lagerware“ für die nächsten Tage daheim, so dass Verbraucher selbst über die eingekauften Mengen, auch entsprechend der eigenen Lagermöglichkeiten zu Hause entscheiden können.

Aktionen (XXL-Angebote), die Verbraucher zum Kauf größerer Mengen animieren, passen nicht in eine Zeit, in der Ressourcen eingespart werden sollen.